Montag, 3. Januar 2022

Rezension: Worüber wir nicht sprechen sollen - es jetzt aber trotzdem tun // Nimko Ali

 DER WEIBLICHE KÖRPER: EINE SUPERHELDIN
 
 

Meine Meinung
Nimko Ali hat in ihrem Buch sehr viele Geschichten von Frauen gesammelt, die die unterschiedlichsten Erfahrungen mit ihren Körpern schildern. Sortiert sind die Erzählungen in vier Bereiche: erste Periode, erster Orgasmus, Schwangerschaft und Menopause. Erster Gedanke von mir: spannend! Zusätzlich werden wichtige Themen in den Texten im Anschluss von Ali erklärt bzw. kommentiert, kulturell/wissenschaftlich/gesellschaftlich eingeordnet und/oder mit eigenen Gedanken oder anderen Themen verknüpft. 

Die Geschichten sind großteils schwer zu verdauen. Blutig, gewaltsam, traurig. Die negativen überwiegen auf jeden Fall die rein positiven. Zusätzlich zu den körperlichen Aspekten geht es nämlich - und natürlich ist das immer auch damit verbunden - um Armut, Zwangsehen, Missbrauch, weibliche Beschneidung der Genitalien (FGM), gesellschaftliche Vorgaben, Religion, Flucht. Am liebsten hört man immer die positiven Geschichten, die, die gut ausgehen und einem Hoffnung geben, dass es bei einem selbst auch so sein wird. Aber was, wenn nicht? Wer erzählt dir die schlimmen Sachen? Wer sagt dir, welche Komplikationen auftreten können oder was weit verbreitet ist, aber ein Tabu daraus gemacht wird, weil es so mit Scham behaftet ist? Ali hat es sich zur Aufgabe gemacht, darüber zu schreiben, was sonst im schamhaften Schweigen untergeht. Und das sollte man auch von dem Buch erwarten.

Meine Erwartungen waren etwas anders. Nicht, dass es mehr positive Stories geben sollte (wobei - eigentlich hätte ich mir eine gute Mischung gewünscht und beim Thema Orgasmus einen Hang zum Positiven), sondern die Vielfalt der Frauen wurde für mich nicht ausgeschöft. Diese wird hoch gepriesen, aber es gibt zum Beispiel keine einzige queere Person. Alle sind heterosexuell und identifizieren sich als cisgender. Fast jede Geschichte wird mit einem religiösen (oft muslimischen) Hintergrund erzählt, da auch die meisten Frauen aus dem Bekanntenkreis der Autorin (somalische Wurzeln) stammen. Religionen leben unter anderem von vepflichtenden Vorgaben, gesellschaftlicher Kontrolle und von Scham. Dass für sehr religiöse Menschen Aufklärung und Empowerment notwendig ist, ist offensichtlich. Ich denke, dass die Autorin das im Hinterkopf hatte.

Schade fand ich auch, dass die Autorin schreibt, dass es so wenige Geschichte über die Menopause gibt, die auch Positives enthalten, aber dann im Kapitel Menopause vergleichsweise sehr wenige Frauen zu Wort kommen und auch wenig oder nur verklärt Positives berichten. Hier hätte ich mir mehr gewünscht.


FAZIT
Nimko Ali versammelt in ihrem Buch rohe, unverfälschte Geschichten über das Wunderwerk weiblicher Körper. Die Frauen, denen sie eine Stimme gibt, erzählen von all den schambesetzten, blutigen, schmerzhaften und schönen Dingen, die sie durch ihren Körper erfahren. Geschichten, die man nicht täglich hört, aber die umso wichtiger sind, gehört zu werden. Kritik gibt es für die einseitige Auswahl der Frauen.



Infos
  • Autorin: Nimko Ali ist eine britische Feministin, Frauenrechtsaktivistin, Rednerin und Mitbegründerin von »The Five Foundation«, einer weltweiten Organisation, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) einsetzt. 2019 wurde sie für ihr Engagement mit dem UN-Frauenrechtspreis ausgezeichnet. (Quelle: https://www.penguinrandomhouse.de/Autor/Nimko-Ali/p683921.rhd 03.01.2022)
  • Einband: flexibler Einband
  • Seitenanzahl: 301 Seiten
  • Verlag: Goldmann
  • ISBN:  978-3-442-31604-5

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars!


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