Samstag, 7. September 2019

Rezension: Der Mythos Schönheit // Naomi Wolf


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"SCHÖNHEIT" 
ALS GESELLSCHAFTLICHES KONSTRUKT



Meine Meinung
Naomi Wolf sagt, dass nach den ganzen Frauenbewegungen, feministischen Aktionen und der (theoretischen) besseren gesellschaftlichen Gleichstellung seit den 70er Jahren die Frauen für manche Menschen der ("westlichen") Gesellschaft zu stark und zu mächtig geworden sind (heißt: mehr gesetzliche Rechte, mehr körperliche und reproduktive Selbstbestimmung, bessere Bildungs- und Berufschancen). Deswegen musste etwas Neues gefunden werden, mit dem man sie verunsichern, mit dem man sie klein halten kann.
Hier kommt der Mythos Schönheit ins Spiel: Schönheitsideale und -normen.

"Du musst schön sein, um im Beruf Erfolg zu haben und einen Mann zu finden, der dich liebt. Was schön ist, bestimmst aber nicht du."

Naomi Wolf hat dieses Buch 1990 geschrieben und an seiner Aktualität hat es meiner Meinung nach nichts eingebüßt. Sie richtet sich gezielt an die "westlichen" Gesellschaften (ich finde das Wort "westlich" eher problematisch, deswegen in Anführungszeichen), da diese bessere ökonomische Bedingungen geschaffen, aber ihre Frauen als Reaktion auf die Emanzipation in das Gefängnis "Körper" eingesperrt haben. Wolfs Beispiele sind so einleuchtend und in vielerlei Hinsicht erschütternd, dass ich während des Lesens so wütend wurde auf unsere Gesellschaft und was sie den Menschen antut. Natürlich hat sich seit dem Erscheinen des Buches vieles verändert, aber die Grundaussagen und die Botschaften, die die Autorin vermitteln will, sind auch heute noch relevant und auf die heutige Zeit umlegbar.

Im Buch werden verschiedene Themen behandelt, die etwas mit Schönheit zu tun haben: Arbeit, Kultur, Religion, Sex, Hunger, Gewalt. Sie deckt die Mythen, die in den jeweiligen Bereichen vorherrschen, auf und versucht ein Bewusstsein für diese destruktiven Verhältnisse zu schaffen. Wolf baut immer wieder Werbung und Werbeaussagen ein, die gezielt psychologisch arbeiten und die "Fehler" und "Unvollkommenheiten" mit Schamgefühl belegen, damit man was dagegen tun muss und zwar: ihr Produkt kaufen. Weitere Aspekte sind Schönheitschirurgie, Essstörungen, Belästigungen, Schlankheits- und Diätwahn sowie Konkurrenzdenken unter den Frauen.

Es ist teilweise sehr komplex geschrieben, manchmal auch etwas mühsam und langatmig, aber Großteils sehr interessant. Es werden immer wieder Studien und konkrete Beispiele/Fälle genannt, die die Ausführungen unterstreichen sollen. Wolf hat sehr viel recherchiert und Wissen zusammengetragen. Auch die Männer werden nicht außen vor gelassen. Ihre Situation ist zwar nicht ganz so prekär wie die der Frauen, aber der Autorin ist bewusst, dass die Schönheitsindustrie auch vor den Männern nicht Halt machen wird. Es geht dabei um soziale Kontrolle, die sehr wohl politische Ursprünge hat.

Fazit

In ihrem Buch deckt Naomi Wolf Schönheitsmythen auf und schreibt gegen die Ideale und Normen an, die versuchen, Frauen zu verunsichern. Ein Buch nicht nur für Frauen, sondern für jeden! Ein Appell "anders sehen" zu lernen und Schönheit nicht zu eng zu zeichnen. Eines der wichtigsten Bücher, die ich gelesen habe.





Klappentext
Die Hälfte aller Frauen im Westen glaubt, zu dick zu sein; viele hungern sich dünn, Millionen leiden an Eßstörungen. Das Vergnügen an Sex und die Überzugung, begehrenswert zu sein, sind bei Frauen in westlichen Gesellschaften empfindlich gestört. Die Ängste der Frauen schaffen Märkte für neue Industrien. Diätprodukte, immer neue Kosmetika und teure Schönheitschirurgie sind die kommerziellen Opfer, die wir dem Mythos Schönheit bringen.


Infos
  • Autorin: Naomi Wolf, geboren 1962, wurde in den neunziger Jahren durch ihren Bestseller "Mythos Schönheit" bekannt und galt damals als Vorreiterin eines neuen Feminismus. 1996 engagierte sie Bill Clinton als Beraterin für seinen Wahlkampf. Vier Jahre später beriet sie auch den Präsidentschaftskandidaten Al Gore. Heute arbeitet Naomi Wolf in der «Soros Foundation» für Friedensforschung. (Quelle: https://www.rowohlt.de/autorin/naomi-wolf.html 15.8.2019)
  • Seitenanzahl: 408 Seiten
  • Einband: flexibler Einband
  • Verlag: Rowohlt
  • ISBN: 3-499-195512-7

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